Essay Leichte Sprache & Literaturübersetzen

Leichte Sprache & Literaturübersetzen

Dieser Text erschien im Mai 2024 zuerst bei babelwerk.de.

Übersetzen in Leichte und Einfache Sprache[1]

Literatur hat viel mit Empathie und Perspektivwechsel zu tun – ein Kennenlernen anderer Sichtweisen auf die Welt, die meiner eigenen womöglich fundamental widersprechen und trotzdem ihre Berechtigung haben. Literatur als Erweiterung meiner Welt, als Erfahrung und Aushalten von Differenz, aber auch als Empowerment und Verbündet-Sein mit Figuren, die mir ähnlich oder völlig verschieden und trotzdem nah sind. In dieser Hinsicht ist das Lesen auch eine politische Angelegenheit.

Die UN-Behindertenrechtskonvention (von Deutschland 2009 ratifiziert) verankert das Recht auf kulturelle Teilhabe für alle Menschen – und dabei geht es nicht nur um (sprachliche) Barrierefreiheit für Zuschauer·innen (und Leser·innen), sondern auch für Kunstschaffende mit Behinderung.[2] Es gibt also einen rechtlichen Anspruch, sich mit den großen, universellen Fragen des Lebens, die in der Literatur verhandelt werden, in zugänglicher Form und im eigenen Tempo beschäftigen und sich eigene Gedanken dazu machen zu können – etwa Fausts Gewissenskonflikte nachzuvollziehen oder Antigones Verzweiflung und Trauer nachzuspüren. Eine Ausweitung des Zugangs zu Literatur bedeutet gleichzeitig auch eine Demokratisierung von Literatur – gemeinhin (auch) ein bildungsbürgerlicher Statusmarker – und stößt teilweise auf Widerstand.[3] Weniger Abgrenzung und mehr Zugang bedeuten weniger (Deutungs-)Macht. Auch sind Klang und Form oft ungewohnt. Aber das gilt in Literatur und Kunst ja für vieles, was neu oder innovativ ist, und reicht per se nicht aus, um als Argument gegen Literatur in vereinfachter Sprache gelten zu können.

Wenn Literatur „inklusiver“ wird, dann hat das verschiedene Aspekte: Zum einen geht es um Zielgruppen und (sprachliche) Zugänge, zum anderen um Sujets und Sichtbarkeit bzw. Sichtbarmachung und Erkundung unserer diversen Realität(en).[4] Die Entscheidung, ob ich lesen möchte oder nicht, liegt natürlich weiterhin einzig und allein bei mir selbst; dafür brauche ich aber zuallererst Optionen und mir offenstehende Angebote und Zugänge. Wenn wir gemeinsam lesen und darüber ins Gespräch kommen, verständigen wir uns auch darüber, wer wir sind und wie wir zusammenleben wollen. Literatur bietet uns verschiedene Perspektiven auf die großen Fragen unserer Zeit, macht sie zugänglich und bietet uns Beispiele, über die wir uns wiederum mit anderen austauschen und damit den Diskurs erweitern können.

Haltung beim ÜBERSETZEN als Haltung

Was hat das nun mit dem Übersetzen von Literatur in Leichte und Einfache Sprache (LS/ES) zu tun? Es betrifft vor allem die Haltung. Zum einen geht es darum, „kanonisierte Klassiker“ zu vereinfachen, um Zugang zu geteiltem kulturell-literarischen Weltwissen bzw. Teilhabe an (vermeintlicher) „Hochkultur“ zu ermöglichen, zum anderen geht es um die Lust am Lesen/Hören und Erleben von Geschichten, die Freude an Klang, Rhythmus und Reim, das Mitfiebern und die Spannung, eine sinnliche Leseerfahrung.

Beide Zielsetzungen – Zugang zum Kanon oder Lust an Literatur – haben ihre Berechtigung und schließen sich auch nicht notwendigerweise aus, bestimmen aber die Haltung, aus der heraus die Übersetzerin Entscheidungen trifft: Welche Stilmittel erhalte/wähle ich, wie viel Eindeutigkeit braucht es, wie viele Erklärungen, um den Inhalt (möglichst umfänglich?) zu übertragen, wie viele markante Ausdrücke oder Namen dürfen es sein? (Soll Harry Potters Cousin in einer vereinfachenden Übersetzung noch den schwierigen Namen „Dudley Dursley“ tragen und ist Obelix ohne „Hinkelstein“ noch Asterix?) Zentral für die zu treffenden Entscheidungen sind die Zielgruppen. Bei Leichter Sprache sind dies vorrangig, aber nicht nur, Menschen mit Lernschwierigkeiten – eine in sich wiederum ebenfalls sehr heterogene Gruppe.

Geht es bei Literatur in Leichter und Einfacher Sprache darum, dass alle alles verstehen? Die Antwort ist: Jein. Ich verstehe in (literarischen) Texten auch nicht alles – und das kann ich bis zu einem gewissen Grad aushalten und die Frustration auch als Herausforderung, Ansporn oder Teil des Leseerlebnisses sehen. Natürlich hat das aber auch mit meiner Lesesozialisierung und Selbstwirksamkeitserfahrung zu tun. Frustrations- und Ambiguitätstoleranzen sind aus verschiedenen Gründen sehr unterschiedlich ausgeprägt, und genau damit spielt auch Literatur. Als Menschen sind wir radikal verschieden; wir teilen zwar bestimmte Kontexte und Hintergründe und können daraus Vermutungen ableiten, sind in unseren Wahrnehmungen, Erfahrungen und Perspektiven aber grundverschieden – völlig unabhängig von Behinderung, Bildungshintergrund, Geschlecht oder Alter – und werden nie ganz wissen, wie sich die Lektüre des Textes für Person M oder S anfühlt oder welches Weltwissen sie aktiviert. Es kann daher nicht um ein hundertprozentiges (identisches) Verstehen desselben Textes gehen. Worum es aber sehr wohl geht: Mehr und diversere Zielgruppen in den Blick zu nehmen und (poetische) Geschichten auch in verständlicher Sprache zu erzählen; sprachliche Teilhabe also nicht nur quasi-technisch auf Antragsformulare und Nachrichten zu beziehen, sondern auch auf Literatur – völlig jenseits eines pädagogischen Anspruchs oder Auftrags. Um dem Recht auf Fantasie und lustvolle Teilhabe an Geschichten und literarischen Welten zu genügen.

Wie kann das aussehen?

2023 fanden zwei Leuchtturmprojekte überregional Beachtung. Zum ersten Mal wurde ein Theaterstück in Leichter Sprache an einer großen Bühne uraufgeführt: Anti·gone. Sophokles in Leichter Sprache, übersetzt von Anne Leichtfuß, wurde vom Publikum der Münchner Kammerspiele begeistert aufgenommen.[5] Sehr gelungen waren die gut genutzte Multimedialität und das Zusammenspiel verschiedener Ebenen der Vermittlung: Die Schauspieler·innen machten Sprache und Inhalte ebenenübergreifend durch Mimik, Gestik, Sprechtempo und Artikulation wahrnehmbar. Das Gesprochene lief parallel auf zwei Bildschirmen mit, auf einer großen Leinwand wurden ergänzende oder über das Gesagte hinausgehende Videosequenzen eingespielt, hinzu kamen Musik und ein reduziertes Bühnenbild. Die Übersetzung in Leichter Sprache entstand in enger Zusammenarbeit mit Prüfer·innen für Leichte Sprache und den Schauspieler·innen sowie der Regie der Kammerspiele und klingt trotz (oder wegen?) der Reduziertheit poetisch-klar und sehr rhythmisch.[6]

Ebenfalls 2023 erschien anlässlich der Special Olympics World Games 2023 in Berlin erstmals ein Asterix-Band in Leichter Sprache: Asterix bei den Olympischen Spielen in der Übersetzung von Josephine Bilk, der an alle teilnehmenden Sportler·innen verteilt wurde.[7] Ins Auge sticht v. a. die Beibehaltung der Bilder unter Nutzung einer deutlich besser lesbaren Typografie. Einige Begriffe wie „Misteln“ oder „Hinkelstein“ werden umgangen, einige Wortspiele oder lateinische Ausdrücke wie „Ave“ fallen heraus, insgesamt bleibt der Text aber relativ nah an der deutschen Übersetzung von Gudrun Penndorf (was an der Comic-Form liegen mag, in der die Bilder im Vordergrund stehen und die Sätze des Ausgangstextes ohnehin kürzer und weniger komplex sind).[8]

Forschendes Übersetzen

Was heißt das jetzt für die konkrete Übersetzungsarbeit? Oft beschwören Literaturübersetzer·innen die „Wirkungsäquivalenz“ als Maßstab für ihre Arbeit. Das ist so inspirierend wie unkonkret – eine genaue Analyse des Ausgangstextes und eine Differenzierung des Begriffs könnten helfen. Was ist das Besondere des Textes und wie wird es erzeugt? Wodurch werden Atmosphäre und Emotionen transportiert? Aber auch: Wie viel Eindeutigkeit braucht es (und auf welchen Ebenen), wie viel Mehrdeutigkeit (zum Beispiel im Zusammenspiel mit Bildern) oder Widersprüchlichkeit (zum Beispiel im Rhythmus) nehmen die Leser·innen an und wann steigen sie aus – letztlich eine Frage für alle Zielgruppen.[9] Dabei kann es nicht darum gehen, nur das Bekannte zu reproduzieren oder Texten jedes irritierende Moment zu nehmen, sonst würden bestimmte Klischees, Vorurteile oder Rollenbilder nie hinterfragt. Über Texte und Geschichten kommt das Neue in unsere Welt und das ist uns anfangs immer fremd und ungewohnt, bis wir uns angenährt und eingewöhnt haben. Wie viel Ungewohntes verträgt also ein Text in LS/ES? Bei großer inhaltlicher Komplexität oder Ungewohntheit müssen Sprache und Struktur möglicherweise noch einfacher sein als bei vertrauten Inhalten. Und was braucht es dann vielleicht zusätzlich, um die Aufmerksamkeit der Lesenden/Zuhörenden nicht zu verlieren? Wie können Gestaltung und Illustrationen dabei unterstützen oder gemeinsam mit dem Text gedacht werden? Wo inspirieren strenge formale Vorgaben vielleicht auch die Kreativität der Schreibenden und Übersetzenden? Und an welchen Stellen sollte die Übersetzerin den Mut in Zu-Mut-ung ernst nehmen, auch auf die Gefahr hin, dass nicht alle alles hundertprozentig verstehen? (und vielleicht genau dadurch die Leser·innen ernst nehmen und durch Reibung den Funken überspringen lassen?!)

Leichte Sprache als Inspiration

Die Beschäftigung mit Leichter und Einfacher Sprache bietet Literaturübersetzer·innen mehrere spannende Anstöße. Sie sind gezwungen, (sprachliche) Selbstverständlichkeiten viel radikaler zu hinterfragen als sonst und kommen Uneindeutigem in Struktur und Inhalt sofort auf die Schliche (ob dies im Text eine Funktion erfüllt oder wie eindeutig-uneindeutig anschließend übersetzt wird, ist eine weitere Frage). Einerseits wird der Text beim Übersetzen sprachlich „leichter“ und tendenziell eindeutiger, andererseits aber auch dichter. Konstruktion und Argumentation treten in großer Klarheit an die Oberfläche, die Inhalte werden auf den wesentlichen Kern reduziert und sind manchmal ungewohnt direkt bis brutal ehrlich. Anspielungen, Verweise, Euphemismen oder Metaphern, Redewendungen und schillernde Wörter funktionieren nicht wie gewohnt und auch der Humor folgt oft anderen Logiken. Was mache ich mit einer „Kaltmamsell in anderen Umständen“ oder einem „verlorenen Sohn mit Muffensausen“? Leichte Sprache verlangt bewusste Entscheidungen, Festlegungen und Erläuterungen von der Übersetzerin, weil sie die Dinge klar bennen und verständlich erklären muss. Manchmal auch eindeutiger als im Original.

Vielleicht können Mehrdeutigkeit und Bildhaftigkeit aber an anderen Stellen ihren Platz finden. Leichte Sprache lädt ein, den Blick vermehrt auf Stilmittel jenseits der Wortebene zu lenken: auf die Struktur von Worten, Sätzen und Texten, auf Reim und Rhythmus sowie Klang, Farbe und Tempo, aber vor allem auch auf Gestaltung und Illustrationen. Hier entstehen neue Möglichkeiten der Übertragung von Inhalten bzw. des (auch poetischen) Zusammenspiels jenseits von Graphic Novel und Bilderbuch, sodass sich womöglich auch für Übersetzungen Räume einer eigenen, ganz neuen Text-Bild-Sprache eröffnen, die es übersetzend weiter zu erforschen gilt.

Für die Online-Plattform „echt absolut“ ist im Rahmen eines Workshop-Konzepts zum Übersetzen in Leichte Sprache eine Kurzgeschichte von Sharon Dodua Otoo in Leichter Sprache mit Illustrationen entstanden – von Expert·innen mit Lernschwierigkeiten auf Verständlichkeit geprüft. Wer Lust zum Weiterlesen hat, findet die Geschichte hier.


[1] Leichte Sprache (LS) ist eine maximal vereinfachte Form des Deutschen. Einfache Sprache (ES) ist eine ebenfalls reduzierte, aber etwas komplexere Variante. Ein Überblick zum Thema „Leichte Sprache“ allgemein findet sich im ABC des Übersetzens: https://babelwerk.de/alphabet/leichte-sprache/. Zum Thema „Literatur in Leichter und Einfacher Sprache“ vgl. https://dorotheatraupe.de/literatur-in-leichter-und-einfacher-sprache/

[2] Vgl. Artikel 30 der UN-BRK „Teilhabe am kulturellen Leben sowie an Erholung, Freizeit und Sport“, https://www.behindertenrechtskonvention.info/uebereinkommen-ueber-die-rechte-von-menschen-mit-behinderungen-3101/#30-artikel-30-teilhabe-am-kulturellen-leben-sowie-an-erholung-freizeit-und-sport (5.12.2023).

[3] Zum Beispiel Konrad Paul Liessmann „Schöne neue Sprachwelt“ in der NZZ vom 20.7.2016, https://www.nzz.ch/meinung/kolumnen/kolumne-rundum-leichte-sprache-schoene-neue-sprachwelt-ld.106533 (17.4.2024).

[4] Wie viele literarische Texte kennen Sie, in denen die Protagonist·innen eine Behinderung haben (und idealerweise einigermaßen klischeefrei dargestellt werden, ohne dass jemand „an den Rollstuhl gefesselt“ wird)?
Eines der sehr wenigen literarischen Beispiele ist Kafkas Verwandlung, das interessanterweise fast nie als Geschichte über Behinderung rezipiert wird. Vgl. dazu Marc Bädorf, „Menschen mit Behinderung in der Literatur. Protagonisten im Rollstuhl“, Deutschlandfunk Kultur, 8.4.2022, https://www.deutschlandfunkkultur.de/behinderung-literatur-romane-100.html (5.12.2023). 

[5] vgl. https://www.muenchner-kammerspiele.de/de/programm/13708-anti-gone und https://www.br.de/nachrichten/kultur/wieso-die-kammerspiele-antigone-in-leichter-sprache-auffuehren,TW6sCfu (5.12.2023). Digitale Einführung: https://vimeo.com/797334834/9b1413fe69. Sehr hörenswert ist das Gespräch mit Anne Leichtfuß im Podcast ÜberÜbersetzen: https://ueber-uebersetzen-podcast.podigee.io/37-new-episode (5.12.2023).

[6] Ausführlicher dazu: https://dorotheatraupe.de/anti%c2%b7gone-sophokles-in-leichter-sprache/ (11.12.2023).

[7] https://www.tagesspiegel.de/asterix-in-leichter-sprache-aus-den-champignons-wurden-die-pilze-und-aus-der-galeere-das-schiff-10016953.html (5.12.2023). Es gab zusätzlich noch eine englischsprachige Ausgabe in kleinerer Auflage.

[8] Mehr dazu unter: https://dorotheatraupe.de/asterix-in-leichter-sprache/ (11.12.2023).

[9] Ist es wichtig, dass wir am Anfang der Verwandlung wissen, ob Gregor Samsa „wirklich“ ein Ungeziefer ist oder nicht? Und was heißt das für den weiteren Text?

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