Comic „Im Kopf der Übersetzerin“ erschienen

… oder gut Ding will Weile haben!

Im Kopf der Übersetzerin. Oder: Wie Menschen übersetzen

Ein Gemeinschaftsprojekt zusammen mit Jona Neugebauer und Myriam Alfano in meiner Übersetzung aus dem Polnischen.

Übersetzen ist alles andere als ein langweiliger und einsamer Prozess – das zeigen sowohl der Inhalt dieses Comics als auch seine Entstehungsgeschichte. Was nicht im Comic vorkommt: Wir Übersetzer·innen sind alle hin und wieder selbst Agent·innen und Projektmanager·innen und haben mit den unterschiedlichsten Menschen zu tun. In diesem Fall u.a. mit sechs polnischen Urheber·innen, denn der vorliegende Comic ist eine kleine Anthologie: Das Szenario der gesamten Geschichte stammt vom polnischen Spanischübersetzer Tomasz Pindel, die Illustrationen der einzelnen Kapitel (in der Reihenfolge der Geschichte) von Daniel Chmielewski, Fanny Vaucher, Robert Sienicki, Jacek Świdziński und Berenika Kołomycka.

Nach dem Übersetzungsfestival 2019 in Danzig berichteten einige Kolleg·innen begeistert von einem polnischen Comic über das Literaturübersetzen, den ich mir auch bestellte. Der Funke sprang über, dieses Buch sollte es unbedingt auch auf Deutsch geben! Dann begann die Zeit des geduldigen Bretterbohrens, bis die Begeisterung auch den VdÜ-Vorstand in Person von Marieke Heimburger erfasste, die 2023 ausrief: „Das machen wir!“

Der prozess

Es dauerte dann aber noch ein paar Monate, bis alle Kontakte beisammen, die Rechtefragen geklärt waren und das Übersetzen und schließlich das Lettern losgehen konnte – und ja, teilweise wird jeder Buchstabe von Hand gezeichnet! Im Kapitel über die unterschiedlichen Arten der Sprachmittlung hat Jona Neugebauer die Buchstaben von Hand in Anlehnung an die ursprüngliche Schrift der Illustratorin nachgebildet (manchmal bedeutet das auch kleine Eingriffe in die Zeichnungen wie auf S. 20), Daniel Chmielewski hat die von ihm gezeichnete Rahmenhandlung selbst auf Deutsch in Handarbeit neu gelettert (einschließlich der Gegenstände auf S. 17), die anderen Teile sind in Satzschriften bzw. mit einer eigenen Schrift auf der Tastatur gesetzt. Für Lektorat und Korrekturschleifen bedeutet das eine enge Zusammenarbeit zwischen Text, Schrift und Bild und ein bewusstes, ökonomisches Abwägen aller Veränderungen.

der VdÜ wird 70 – Happy Birthday!

1954 gründeten 16 etablierte Schriftsteller·innen, die nebenbei übersetzten, in Hamburg den eingetragenen Verein VdÜ. Heute zählt der Verband deutschsprachiger Übersetzer/innen literarischer und wissenschaftlicher Werke e.V. rund 1400 Mitglieder. Zusammen mit dem Schriftstellerverband VS bildet der VdÜ außerdem die Fachgruppe Literatur in ver.di, Mitglieder des VdÜ sind also gleichzeitig Mitglied der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft. Der VdÜ vertritt die Interessen der Literaturübersetzer·innen in der Öffentlichkeit, in der Politik sowie gegenüber den Vertragspartner·innen und deren Verbänden.

Übersetzen ist eine grundlegend andere kreative Tätigkeit als das Schreiben. Während Autor·innen sich über Plot, Figurenentwicklung, Schauplätze, Hintergründe und natürlich den Ton, den sie anschlagen möchten, Gedanken machen müssen, dürfen Übersetzer·innen sich primär über die sprachliche Gestaltung und eben die Wiedergabe des Tons den Kopf zerbrechen. Was genau alles dazugehört, das wurde von den polnischen Kolleg·innen in diesem Comic so wunderbar dargestellt, dass der VdÜ beschloss, ihn anlässlich des 70. Verbandsgeburtstags 2024 ins Deutsche übersetzen zu lassen.

Besonderheiten der Comic-Übersetzung allgemein

Der augenfälligste Unterschied zwischen der Übersetzung von Comics und anderen literarischen Genres ergibt sich aus der Beschränkung des zur
Verfügung stehenden Raums. Je nach Herkunftssprache fällt die deutsche Fassung meist zwischen zehn und dreißig Prozent länger aus als das Original. Im klassischen Comic sind die einzelnen Bilder (Panels) in der Regel aber durch eine Einrahmung abgegrenzt und die Dialoge stehen meist in Sprechblasen. Der für den Text zur Verfügung stehende Raum ist also vorgegeben und kann nicht verändert werden. Bei der Übersetzung ist man daher gezwungen, nach einer möglichst kurzen Formulierung zu suchen, ohne dabei stilistisch oder inhaltlich zu große Verluste hinzunehmen. Besonders häufig gibt es dialogische Passagen, und bei der Übersetzung stehen Umgangs-/Alltagssprache und Mündlichkeit im Mittelpunkt. Comic-Übersetzungen erfordern daher häufig eine (noch) freiere Herangehensweise.

Die Beteiligten

Szenario: Tomasz Pindel

Illustrationen & Selbst-Porträts:
Daniel Chmielewski (S. 5–7, 16–17, 23, 40, 49–50)
Berenika Kołomycka (S. 41–48)
Robert Sienicki (S. 8–15)
Jacek Świdziński (S. 24–39)
Fanny Vaucher (S. 18–22)

Übersetzung & Projektmanagement: Dorothea Traupe

Lektorat & Beratung: Myriam Alfano

Titelbild, Layout & Mini-Porträts der Beteiligten auf deutscher Seite:
Jona Neugebauer

Lettering:
Daniel Chmielewski (S. 5–7, 16–17, 23, 40, 49–50)
Jona Neugebauer (S. 8–15, 18–22, 24–39, 41–48)

Druck: Klimaneutral gedruckt bei dieUmweltDruckerei Hannover

Die polnische Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel „W głowie tłumaczy“ im Rahmen des 4. Danziger Literaturfestivals „Found in Translation“ („Odnalezione w Tłumaczeniu”), ein der Übersetzungskunst gewidmetes literarisches Festival.

Mit freundlicher Genehmigung des städtischen Kulturinstituts in Danzig © Illustrationen Instytut Kultury Miejskiej, Gdańsk

Die deutsche Sonderausgabe „Im Kopf der Übersetzerin oder Wie Menschen übersetzen“ erscheint 2024 anlässlich des 70. Jubiläums des Verbands deutschsprachiger Übersetzer/innen literarischer und wissenschaftlicher Werke e.V. (VdÜ) mit freundlicher Unterstützung durch ver.di.

1. Auflage 2024 © VdÜ
Verband deutschsprachiger Übersetzer/innen literarischer und wissenschaftlicher Werke e.V.
VdÜ in ver.di. | Postadresse: Büro Seehausen + Sandberg, Merseburger Str. 5, 10823 Berlin
www.literaturuebersetzer.de

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