Leichte Sprache

Das Gegenteil von leicht ist leichtgesagt.

Übersetzen in Leichte Sprache ist eine völlig andere Form der Übersetzung als die Übersetzung von Literatur oder Sachtexten. Einerseits wird der Text „leichter“ und klarer, andererseits aber auch dichter und essentieller. Leichte Sprache heißt auch: Jeder Text wird bebildert und von mindestens zwei Menschen mit Lernschwierigkeiten geprüft, die eine spezielle Prüfausbildung abgeschlossen haben. Es ist ein spannender Prozess, bei dem man immer wieder Selbstverständlichkeiten hinterfragt …

Was ist Leichte Sprache?

Eine Auswahl regelmäßig aktualisierter Empfehlungen und Linktipps zum Einstieg findet sich hier.

Leichte Sprache ist als Varietät des Deutschen relativ jung. Je nach Blickwinkel ist sie für die einen „eine verständlichkeitsoptimierte Reduktionsvarietät für Menschen mit eingeschränkter Lesekompetenz“ (so beim Eröffnungsvortrag der VdÜ-Jahrestagung in Wolfenbüttel 2022) oder ein laienlinguistisches Konzept mit einigen Mankos, für die anderen ein sehr wirksames und inspirierendes Hilfsmittel für mehr Zugang zur (sprachlichen) Welt. Sprachlicher Zugang zu Texten ist Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe und demokratische Mitgestaltung, aber auch Tor zu neuen Welten und Themen, Vorbildern, Freude an Literatur und Kultur, Empowerment und Ausdrucksmöglichkeiten. Ähnlich wie bei anderen Fragen von Inklusion und Diversität, bei denen sprachliche Reibungen politische spiegeln, bewegen wir uns auch hier aktuell in einem (inspirierenden) Spannungsfeld, das es zu erforschen, auszuhalten und auszudehnen gilt. Das heißt: Ausprobieren. Anders machen. Mutig sein. Sprache dehnen. Spielen. Kreativ und neugierig Neues entstehen lassen.

Entstehung

Ihren Ursprung hat Leichte Sprache in der Selbstbestimmungsbewegung Ende der 1960er in Schweden und dann als „Easy-to-read“ in den 1970er Jahren in den USA in der People First-Bewegung. In den 1990ern kam das Konzept nach Deutschland, 2001 entstand People First Deutschland e.V., 2006 wurde das Netzwerk Leichte Sprache als Zusammenschluss von Menschen mit und ohne Lernschwierigkeiten gegründet (seit 2013 ein eingetragener Verein). Seit 2014 widmet sich außerdem die Forschungsstelle für Leichte Sprache an der Universität Hildesheim der Erforschung und Etablierung der Leichten Sprache.

Zielgruppen

Die Zielgruppen für Leichte und Einfache Sprache sind sehr divers und reichen u.a. von Menschen mit Lernschwierigkeiten oder Hörbehinderung, über Menschen mit geringer Literalität oder anderer Muttersprache (darunter auch Gebärdensprache) bis zu Menschen mit Aphasie, Schlaganfall oder Demenz. Laut LEO-Studie 2018 der Universität Hamburg bewegt sich die Lesekompetenz der erwachsenen Menschen in Deutschland (18–64) bei ca. 16 Millionen Menschen auf dem Niveau A1-B1 des europäischen Referenzrahmens (Alphalevel 1-4, geringe Literalität und fehlerhaftes Schreiben). Das entspricht ungefähr einem Drittel der erwachsenen Bevölkerung. Die absolute Mehrheit der schriftlichen Informationen (ob alltäglich, behördlich oder literarisch) liegt weit darüber, wie uns Wahlunterlagen, Corona-Infos oder Zeitungslektüre immer wieder vor Augen führen.

Leicht oder Einfach?

Die Begrifflichkeiten sind teilweise nicht trennscharf und im Fluss, gemeinhin versteht man unter Leichter Sprache (LS) eine Varietät des Deutschen mit einem A1/2-Wortschatz, die konkreten Regeln folgt, und Illustration sowie eine Prüfung der Texte durch min. zwei Menschen mit Lernschwierigkeiten mit einer speziellen Prüfausbildung einschließt (so z.B. das Netzwerk Leichte Sprache e.V.). Die Bezeichnung Einfache Sprache (ES), Wortschatz-Niveau A2/B1, wird wiederum oft für alles verwendet, was vereinfacht ist. Gegenwärtig läuft gerade ein DIN SPEC-Prozess „Empfehlungen für Deutsche Leichte Sprache“ und zu „Einfacher Sprache“ gibt es seit 2024 eine DIN-Norm, so dass sich in Zukunft vermutlich jeweils ein stärkeres Profil herausbilden wird.

Übersetzungsprozess & Regeln

Übersetzen in Leichte Sprache ist eine völlig andere Form der Übersetzung als die Übersetzung von Literatur oder Sachtexten. Der Text wird bebildert und entsteht in enger Zusammenarbeit zwischen Auftraggebenden, Übersetzer:in, Illustrator:in und Prüfteam und durchläuft mehrere Feedbackschleifen. Dabei kommt den Prüfer:innen mit Lernschwierigkeiten die Rolle von Expert:innen zu – für alle Beteiligten ein ungewohnter und inspirierender Perspektivwechsel.

Im Laufe der letzten Jahre haben sich im deutschsprachigen Raum verschiedene Regelwerke und Siegel für Leichte Sprache parallel entwickelt, am bekanntesten sind die Regeln des Netzwerks Leichte Sprache. Gemeinsam ist allen dabei der Blick auf Gestaltung (Schriftgröße, linksbündig, usw.), Wortstruktur (Passiv vermeiden, Worttrennung, usw.), Wortschatz (A1/2), Satzbau und (in unterschiedlichem Maße) Illustration und Zielgruppenprüfung. Einen pragmatisch-differenzierten Blick mit vielen lesenswerten Erkenntnissen bietet die LeiSA-Studie der Uni Leipzig von 2019 (es gibt die Forschungsergebnisse auch in Leichter Sprache!). Bettina M. Bock plädiert dort v.a. für die Kategorie der Angemessenheit hinsichtlich Zielgruppe, Textzweck, Inhalt, Situation und Sender:in.

Rechtliche Situation

Rechtliche Grundlagen für Leichte Sprache finden sich in der UN-Behindertenrechtskonvention (2009 von Deutschland ratifiziert), im Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) §11 Abs. 4 von 2002 und in der BITV 2.0 (Barrierefreie Informationstechnik-Verordnung) von 2011. Grundsätzlich wird Leichte Sprache als Teil von Barrierefreiheit verstanden und unterstreicht die sprachliche Seite der Inklusion.

Dieser Text erschien zuerst in leicht anderer Form bei BabelWerk

Leichte Bilder & Gestaltung

Leichte Bilder sind ein zentraler Bestandteil von Leichter Sprache. Sie helfen beim Verstehen und sollen zu den Zielgruppen passen, sorgen für Aufmerksamkeit, helfen beim Merken von Infos oder Textstellen und bereiten vor allem aber auch Vergnügen. Mehr zur Wirkung Leichter Bilder in der Zusammenfassung von Jona Neugebauer gibt es hier.

Ein gutes Layout unterstützt die Verständlichkeit. Es hilft zum Beispiel dabei, die Blickrichtung zu lenken oder besonders wichtige Dinge schnell zu erkennen. Es schafft Struktur und Orientierung. Gleichzeitig geht es auch darum, Ästhetik und Barrierefreiheit zusammenzudenken. Was macht Spaß beim Lesen und Angucken und ist trotzdem für möglichst viele Menschen zugänglich? Dazu gehören zum Beispiel Fragen von Schriftart, Schriftgröße oder Anordnung. Wichtig ist eine professionelle Gestaltung, die dem jeweiligen Medium und Genre entspricht (ist eine Zeitung als Zeitung erkennbar oder ein Festival-Plakat als Festival-Plakat?). Sehr viele hilfreiche Infos zu inklusivem Kommunikationsdesign gibt es auf der Website des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbands e.V.

Übersetzungen in Leichte und Einfache Sprache (Auswahl)

Kurzgeschichte von Sharon Dodua Otoo in Leichter Sprache mit Leichten Bildern: Die Geschichte von den Kreisen und den Vier·ecken, in Zusammenarbeit mit Jona Neugebauer

Praxis⋅tipp⋅karten in Einfacher Sprache. Der diskriminierungs⋅kritische Klassen⋅rat: »Wie können wir kritisch mit Diskriminierung umgehen?«, für die Deutsche Gesellschaft für Demokratiepädagogik e.V. in Zusammenarbeit mit TwoDo-Designstudio aus Leipzig.
Die Praxis⋅tipp⋅karten zum Bestellen oder als kostenlosen Download gibt es über diesen Link.

Schattenbericht Hamburg (UN-BRK), kritische Analyse der Behindertenrechtslage in Hamburg, Übersetzung in Leichte Sprache zusammen mit Anja Teufel und Inga Schiffler. Zum Schattenbericht in Leichter Sprache geht es über diesen Link.

Liquid Democracy im Auftrag der Senatskanzlei Berlin, zusammen mit Anja Teufel

Deutscher Chorverband e.V. – Website des Deutschen Chorfestes in Einfacher Sprache

Deutsch-Polnisches Jugendwerk

Rat für Nachhaltige Entwicklung

Landesjugendring Brandenburg

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