Etymologischer Adventskalender 2023

Bilder: Jona Neugebauer | Texte: Dorothea Traupe

🌲1. Dezember: Bauchpinseln

✴ Was hat der Pinsel mit dem Bauch zu tun? Im 15.-17. Jahrhundert strich man den Kauzen, den Falben (Pferd mit hellem Deckhaar), den Falken oder den Fuchs, im 19. Jahrhundert dann den Künzel (ein altes Wort für dickes Unterkinn). Gemeint war vermutlich streichen = streicheln = zutraulich machen, daraus entstand dann die heutige Bedeutung „schmeicheln.“

✴ „Bauchkitzeln“ als Synonym für „bauchpinseln“ entstand womöglich parallel zu „Gaumenkitzel“ (für „Gaumenfreude“) – im Bauch sollten Gefühle und Intuition sitzen, so glaubte man. Auf jeden Fall erzeugt das Streichen mit dem Pinsel angenehme Gefühle.

✴ Quelle u.a.: https://www.dwds.de/wb/bauchpinseln

🌲2. Dezember: Im Dunkeln ist gut Munkeln

✴ Leise, heimlich reden war im niederdeutschen/norddeutschen „munkelen“ und wanderte von dort im 16. Jahrhundert in den Süden, wo es zu „munkeln“ wurde. Bei Geheimniskrämerei hilft der Schutz der Dunkelheit, weshalb oft im Dunkeln gemunkelt wird.

✴ Quelle u.a.: https://tinyurl.com/2yuhkb2a

🌲3. Dezember: Firlefanz

✴ Firlefanz kommt vom Altfranzösischen „virelai“ (Reigenlied), wurde im mhd. zu „virlei“ und im Spätmittelhochdeutschen zu „firlifanz“ und bezeichnete ursprünglich einen lustigen und schnellen Springtanz.

✴ Umgangssprachlich wird es heute für (vermeintlich) Unsinniges und Überflüssiges, wertlosen Kram, Albernheit oder Kinderei gebraucht. Besonders hübsch ist die Personenbezeichnung „Firlefanzer:in“.

✴ Quelle u.a.: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Firlefanz

🌲4. dezember: Standpauke

✴ Bei einer Standpauke dröhnen die Ohren. Aus mhd. „puken“ für schlagen wurde bei den Studierenden im 18. Jh. daraus „pauken“ für predigen. Prediger hauten auf die Kanzel (nicht auf die Pauke), um ihren Worten Nachdruck zu verleihen. „Pauken“ bedeutete aber auch „Üben vor Prüfen“ bzw. „Fechttraining“ (dort gibt es den „Paukboden“). Irgendwo dazwischen findet sich dann der „Pauker“ als Lehrer.

✴ Die Bezeichnung „Standpauke“ entstand im 19. Jh., vorher war es die „Standrede“, die Ansprache eines evangelischen Pastors am offenen Grab. Die Bedeutung wandelte sich zu einer stehend vorgetragenen Rede, mit der man meist jüngere und/oder weniger mächtige Menschen abkanzelte (ebenfalls ein interessantes Wort).

✴ Quelle u.a.: https://www.dwds.de/wb/Standpauke

🌲5. Dezember: Gelackmeiert

✴ Ein bisschen hereingelegt, so fühlt man sich, wenn man durchschaut, dass hier doppeltgemoppelt wird: „gelackt“ und „gemeiert“ heißt eigentlich beides das Gleiche, nämlich gefoppt oder getäuscht werden. Diese scherzhafte Zusammensetzung entstand im 19. Jahrhundert, wobei das „Meiern“ eine deutlich längere Geschichte hat.

✴ Aus dem lateinischen „major“, dem obersten Vorsteher, wurde im Karolingerreich „Meier“ zur Bezeichnung für einen Gutsverwalter und später auch für politische Führungsrollen (der militärische Grad „Major“ oder der französische „maire“, der Bürgermeister, gehen darauf zurück). Auf Deutsch wurde daraus der Familienname „Meier“.

✴ Verallgemeinernd wird es auch für „Kerl“ oder „Bursche“ gebraucht, was in „Kraftmeier“ oder „Vereinsmeier“ nicht unbedingt positiv klingt. In Norddeutschland entstand daraus das Verb „meiern“ für betrügen, täuschen, foppen.

✴ Quelle u.a.: https://tinyurl.com/4w3whz6d

🌲6. Dezember: Wolkenkuckucksheim

✴ Wolken + Kuckuck + Heim als Begriff für Luftschlösser und Utopien. Dabei handelt es sich um eine Lehnübersetzung (jedes Wort wurde einzeln übersetzt) aus dem Altgriechischen für das Wort Νεφελοκοκκυγία Nephelokokkygia. Es stammt aus der griechischen Komödie „Die Vögel“ von Aristophanes, die 414 v.Chr. erstmalig aufgeführt wurde. Dort geht es u.a. darum, dass eine neue Stadt der Vögel im Himmel gegründet werden soll, und einen Namen braucht.

✴ Die Übersetzung des Begriffs wird Arthur Schopenhauer zugeschrieben (erstmalig 1813 als „Wolkenkukuksheim“), der Kolleg:innen vorwarf, nur vom „Wolkenkuckucksheim“ zu reden. Andere Übersetzer:innen machten daraus „Wolkenkuckucksburg“ (Ludwig Seeger) oder „Kuckuckswolkenhof“ (keinen Namen gefunden #NameTheTranslator).

✴ Auf Englisch wurde daraus „cloud cuckoo land” mit der Redewendung „live in cloud cuckoo land”. Die Person, die dort lebt, ist ein „cloud cuckoo lander”. (Und wie wäre das auf Deutsch? Viel Spaß bei der Übersetzungsknoblerei! 😉)

✴ Quelle u.a.: https://de.wikipedia.org/wiki/Wolkenkuckucksheim

🌲7. dezember: Auf dem Holzweg

✴ Der Holzweg führt durch den Wald mit lauter Bäumen, aber nicht zum Ziel. Holzwege wurden im Wald angelegt, um Holz zu holen, nicht um zwei Orte zu verbinden (Verwendung seit dem 13. Jh.). Der sprichwörtliche Gebrauch für „Irrweg“ geht ins 15. Jahrhundert zurück.

✴ Heute nennt man diese forstwirtschaftlichen Sackgassen auch „Rückewege“, weil dort Holz „gerückt“ wird – früher mit „Rückepferden“, heute meist mit Maschinen. Was idyllisch klingt, gleicht in manchen Brandenburger Waldgebieten aber eher einer apokalyptischen Mondlandschaft.

✴ In einem alten ostpreußischen Sprichwort hieß es: „Jener geit den Holtweg, de andre den Soltweg.“ Der lukrative „Salzweg“, der zu Hanse-Zeiten viel Geld brachte, wird hier dem (vermeintlich) nicht zielführenden Holzweg gegenübergestellt.

✴ 1950 erschienen verschiedene Texte des Philosophen Martin Heidegger in dem Band „Holzwege“.

✴ Quelle u.a.: https://de.wikipedia.org/wiki/Auf_dem_Holzweg_sein

🌲8. Dezember: Zieht wie Hechtsuppe

✴ Viele Ausdrücke mit spannender Geschichte stammen aus dem Jiddischen. Dieser aber wohl ausgerechnet nicht. Früher hieß es, dass „hech sup(p)ha“ ein jiddisch-hebräischer Ausdruck für „starker Sturm, Windsbraut“ sei.

✴ Anscheinend stammt er aber von einer traditionell scharf gesalzenen und gepfefferten Fischsuppe, die mit einem scharfen Luftzug in Verbindung gebracht wurde, wie ihn beispielsweise eine Rute macht, mit der früher geprügelt wurde. Bereits vor 1800 sagte man dafür „die zieht wie Fischsuppe“.

✴ Kocht man Fischsuppe, muss diese ziehen, damit sie fischig schmeckt. Der Hecht ist ein Raubfisch und hat einen starken Geschmack, weshalb man ihn nur noch zum Schluss verstärkend hinzutat (Hechtsuppe als solche kocht anscheinend niemand).

✴ Quelle u.a.: https://www.swr.de/wissen/1000-antworten/warum-zieht-es-wie-hechtsuppe-100.html

🌲9. Dezember: Schwarze Schwäne & weiße Raben

✴ Zum Start ins Wochenende gibt es zwei schräge Vögel, die beide großen Seltenheitswert haben: Schwarzer Schwan ist ein Anglizismus (black swan) für unerwartete und unwahrscheinliche zukünftige Ereignisse (v.a. in wirtschaftlichen Zusammenhängen). Bis ins 18. Jahrhundert glaubte man, dass alle Schwäne weiß seien und schwarze Schwäne standen daher für das völlig Unvorstellbare. 1697 entdeckte Willem de Vlamingh in Westaustralien allerdings den „Trauerschwan“. Als Schwarze Schwäne gelten zum Beispiel 9/11, die Finanzkrise 2007 oder Fukushima.

✴ Weiße Raben tauchen als Metaphern für Seltenheit bereits in griechischen und lateinischen Sprichwörtern auf. Im Deutschen wird der Ausdruck darüber hinaus auch für Menschen mit einer abweichenden Meinung gebraucht. Der afrikanische Schildrabe ist seinem lateinischen Namen corvus albus nach zwar weiß, ähnelt in Wirklichkeit farblich aber eher einer Elster.

✴ Quelle u.a.: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Black_Swan_(Risiken)

🌲10. dezember: Über den Tisch ziehen

✴ Im Alpenland, vorwiegend in Bayern und Österreich, entstand das Fingerhakeln als Kraftsport. Passend zum Holzweg soll dies auf die Zunft der Holzfäller zurückgehen. Auch Streitigkeiten sollen früher so ausgetragen worden sein.

✴ Heute ist das Fingerhakeln ein organisierter Sport, bei dem sich die Hakler:innen an einem Tisch gegenüber sitzen und versuchen, das Gegenüber am Finger (bzw. dem heutzutage gebrauchten Lederriemen) über den Tisch zu ziehen. Und da alles seine Ordnung haben muss, wenn jemand über den Tisch gezogen wird, sitzen um sie herum zwei Auffänger:innen, ein:e Schiedsrichter:in, ein:e Vorsitzende:r und zwei Beisitzer:innen.

✴ Es gibt auch eine andere Erklärung, die den Ausdruck auf die Prügelstrafe zurückführt.

✴ Quelle u.a.: ​https://de.wikipedia.org/wiki/Fingerhakeln

🌲11. dezember: Verhohnepiepeln

✴ Im Frühneuhochdeutschen (15. Jh.) gab es die „hole Hip“, eine hohle Waffel oder „Hohlhippe“; „hip“ kommt wahrscheinlich von „Happen“. Die Waffelverkäufer, die von Haus zu Haus zogen, nannte man „Hohlhipper“.

✴ Ab dem 16. Jahrhundert wurde das zu einem Synonym für „Lästerer“, wohl weil sich Verkäufer:innen und Käufer:innen gegenseitig verspotteten. Daraus entstand „hohlhippeln“ oder „hohlhippen“ für schmähen und beleidigen.

✴ Irgendwann war die ursprüngliche Etymologie vergessen, und so wurde der Ausdruck unter Anlehnung an „Hohn“ im thüringisch-sächsischen Sprachraum zu „hohniepeln“ oder „(ver)hohnepi(e)peln“ für foppen, hänseln und lächerlich machen.

✴ Quelle u.a.: https://www.dwds.de/wb/verhohnepipeln

🌲12. Dezember: Wie am Schnürchen

✴ Wenn man etwas „am Schnürchen“ hatte, dann hatte man es im Gedächtnis. Die Schnur war früher eine gängige Metapher für Gedächtnis, weil auf ihr Dinge in einer festen Reihenfolge behalten wurden (Rosenkranz, Perlenschnur, u.ä.). Wenn es „wie am Schnürchen läuft“, klappt alles wie geplant.

✴ Es gibt aber auch noch sehr andere Erklärungen: Marionettenspieler:innen hatten mit den Schnüren ihre Puppen unter Kontrolle. Maurer und Zimmerleute hatten auf der Baustelle Richtschnüre. In Pferdekutschen führte früher eine Schnur von den Passagieren im Inneren zur Person auf dem Kutschbock, der man durch Ziehen am Schnürchen zu verstehen gab, dass sie das Tempo ändern sollte.

✴ Quelle u.a.: https://tinyurl.com/2cf4fa6m

🌲13. Dezember: Am Katzentisch

✴ Wegen Ungehorsams abseits der Gemeinschaft essen müssen – diese Strafe stammt wohl aus dem Klosterleben, wurde/wird aber vor allem für Kinder und gesellschaftlich niedriger gestellte Menschen als Mittel der Machtdemonstration genutzt.

✴ Der Ausdruck geht bis ins 17. Jahrhundert zurück und war ursprünglich eine scherzhafte Bezeichnung für den Fußboden, später dann für niedrige, abseitsstehende Tische auf Katzenhöhe. Im 18. und 19. Jahrhundert stand der Begriff im übertragenen Sinne auch für „schlechte Position, kümmerliche Versorgung, schlechte Kost“.

✴ Quelle u.a.: https://de.wikipedia.org/wiki/Katzentisch

🌲14. Dezember: Pizza

✴ Die Pizza. 2017 wurde die neapolitanische Kunst der Pizzabäcker:innen von der UNESCO in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen. Woher aber stammt der Name? Es gibt sehr verschiedene Ideen …

✴ Im Langobardischen gibt es das Wort „pizzo“ oder „bizzo“, auf Deutsch „Bissen“.

✴ Das Wort ist aus dem semitischen Sprachraum (z.B. dem Arabischen) als „Pita“ ins Griechische eingewandert und von dort ins Italienische entlehnt worden.

✴ Es stammt vom italienischen „pitta“ (lateinisch picta), von Griechisch pēktos (πηκτός; fest, geronnen).

✴ Der Ausdruck geht auf das hebräische Wort פַת pat (Stück Brot; bibl. noch Brocken) oder Mittelägyptisch bjt (Fladen) zurück.

✴ Das Wort stammt aus dem Italienischen, z.B. von „pestare“ (zerstampfen, wie in „Pesto“), von „pinza“ (ein Dialektwort, vom lateinischen „pinsere“ für zerstoßen bzw. später auch backen) oder vom neapolitanischen „piceà“ bzw. „pizzà“ für zupfen (Kalabrisch pitta und Mittellateinisch pecia für Stück, Teil, Fetzen).

✴ Wie dem auch sei: buon appetito! 😊

✴ Quelle u.a.: https://de.wikipedia.org/wiki/Pizza#Etymologie

🌲15. Dezember: Kinkerlitzchen

✴ Fast hört man es beim Sprechen klappern und klirren: Das Wort „Kinkerlitzchen“ geht auf das französische „quincaille(rie)“ für Kurzwaren oder Eisenwaren- und Werkzeughandel zurück und kam wie viele französische Worte mit den Hugenott:innen im 18. Jahrhundert nach Deutschland.

✴ Anfangs wurde es neutral für „modische Kleinigkeiten“ gebraucht, im 19. Jahrhundert dann aber durch Anhängen von „litz“ und „chen“ im Volksmund verballhornt. Das DWDS vermutet evtl. auch eine Zusammensetzung aus Kanker „Spinnentier“ und Litze „Faden eines Gewebes“ und daher „wertlos wie ein Spinnengewebe”.

✴ Heute steht der Ausdruck umgangssprachlich für Dinge, die (vermeintlich) wertlos, überflüssig oder sogar unsinnig sind, oder bezeichnet Albernheiten und verrückte Gedanken.

✴ Quelle u.a.: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Kinkerlitzchen

🌲16. Dezember: Larifari

✴ Heute ein kleiner Ausflug in die Musikgeschichte: In der Gehörbildung werden oft die Silben „do, re, mi, fa, so, la, si“ eingesetzt, die die Position von Tönen innerhalb einer Tonart angeben (Solmisation). Die Silben gehen in leicht veränderter Form auf die Anfangssilben eines Johannes-Hymnus aus dem 8. Jahrhundert zurück.

✴ Die Tonfolge LaReFaRe fand sich v.a. in französischen Volksliedern und wurde als nichtssagendes Trällern verstanden. Das wurde als schallnachahmendes „Larifari“ schriftlich fixiert und bekam die Bedeutung „Unsinn“.

✴ Im 19. Jahrhundert schuf Franz von Pocci für das Münchner Marionettentheater den Kasperl Larifari, der die Verbreitung des Ausdrucks beförderte. Die Figur sollte als „zivilisierter Kasperl“ pädagogischen Zwecken dienen.

✴ Quelle u.a.: https://tinyurl.com/bdfv5uft

🌲17. Dezember: Butzemann

✴ Butzemann oder (in beeindruckender Variation) Butz, Bütze, Butze, Putz, Boz, Buz, Butzenmann, Buschemann, Bugimann, Bullebeiß, Busemand, Buhmann, Boesman, Böölimann, Bölimaann oder Böögg steht als Sammelbezeichnung für unheimliche Dämonen, Kobolde und Gespenster. Es gibt ihn v.a. im süddeutschen und schweizerischen, aber auch im norddeutschen und skandinavischen Raum und heutzutage überwiegend als Kinderschreck.

✴ Über die Herkunft des Ausdrucks herrscht Uneinigkeit: Kommt er vom mittelhochdeutschen Wort „bôzen“ für „schlagen, poltern, klopfen“ oder vom Frühneuhochdeutschen „butze“ für „Larve, Maske, Popanz, Gespenst, Schreckgespenst“ oder aber vom „Mummelmann“, dem „vermummten Mann“. Damit wäre er mit Butzenmummel, Mummelputz, (hessisch) Mombotz oder Mumpitz verwandt. Auf jeden Fall unheimlich.

✴ Und sehr verbreitet: Im Englischen entspricht ihm der „Boggart“ oder „Bogeyman“, im Friesländischen der „Puk“ (auch bekannt aus dem Sommernachtstraum), im Schwedischen der „Pocker“ für Teufel, im Norwegischen „Puk“ bzw. „Draug“ für einen bösartigen Wassergeist, im Isländischen gibt es „Púki“ bzw. „Púkinn“ für „kleiner Teufel“ und im Ostfriesischen den „Busebeller“.

✴ Quelle u.a.: https://de.wikipedia.org/wiki/Butzemann

🌲18. dezember: Hallodri

✴ Eine Frage der Perspektive (und des sozialdarwinistischen Blicks auf menschliche Nützlichkeit?): Tunichtgut, Taugenichts, Nichtsnutz, Haderlump oder Lebenskünstler:in, Bohémien:ne, Bonnevivant:e?

✴ „Hallodri“ steht für eine Person, die sich von Konventionen und dominierenden gesellschaftlichen Vorstellungen von Normalität und Moral nicht einschüchtern lässt, und wird v.a. in Süddeutschland und Österreich verwendet. Vermutlich ist es eine Verballhornung des Begriffs „Allotria“.

✴ Allotria steht für „vergnüglichen Unfug, Spaß“ bzw. das, was den Menschen vom Eigentlichen ablenkt (also Besitz, Ruhm, Macht, usw.); von Griechisch allótria (ἀλλότρια) für „fremdartige, nicht zur Sache gehörige Dinge“. Der Begriff kam im 17. Jahrhundert in die Sprache der Gelehrten und verbreitete sich von dort im 18. Jahrhundert weiter.

✴ Um den Ausdruck noch vergnüglicher universell einsetzen zu können: Wie wäre es mit Hallodra und Hallodrix?

✴ Quelle u.a.: ​https://de.wikipedia.org/wiki/Hallodri

🌲19. Dezember: Humbug

✴ Früher reisten die Nachrichten aus Mittel- und Osteuropa über Hamburg nach Großbritannien. Anscheinend waren darunter auch immer wieder Falschinformationen, und wenn mal wieder eine zweifelhafte Nachricht dabei war, rief man laut „Hamburg“. Daraus wurde dann allmählich „humbug“.

✴ Im Englischen wurde es als Slangwort mit der Bedeutung „Täuschung“ und „Betrug“ Ende des 18. Jahrhunderts zuerst in Studierendenkreisen geläufig. Im Deutschen tauchte es ab den 1830er Jahren auf.

✴ Quelle u.a.: https://de.wikipedia.org/wiki/Humbug

🌲20. dezember: Hinz und Kunz

✴ Im Hochmittelalter (11.-13. Jahrhundert) hießen sehr viele Herrscher Heinrich und Konrad, weswegen die Namen auch in der Bevölkerung außerordentlich beliebt waren und sehr viele Jungen und Männer einen der beiden Namen trugen.

✴ Heinrich und Konrad wurden früher mit den Kurzformen Hinz und Kunz gerufen. Der Ausdruck „Hinz und Kunz“ ist seit dem 13. Jahrhundert gebräuchlich, ab dem 15. Jahrhundert als spöttische Redewendung für „Jedermann“.

✴ Ähnliche Ausdrücke gibt es auch in vielen anderen Sprachen, z.B. im Englischen Tom, Dick and Harry, im Spanischen Fulano, Zutano y Mengano, im Französischen Pierre, Paul ou Jacques, im Italienischen Tizio, Caio e Sempronio, im Russischen Iwanow, Petrow, Sidorow (Иванов, Петров, Сидоров), im Persischen Âre, Ure, Šamsi Kure, im Schwedischen Andersson, Pettersson och Lundström, im Japanischen neko mo shakushi mo (猫も杓子も, wörtlich: „Katzen und auch Schöpfkellen“), im Türkischen Ali ile Veli, im Luxemburgischen Jann a Mann (auch: Jenni a Menni) und im Jiddischen Chaim Jankl (חיים יענקל).

✴ Quelle u.a.: ​https://de.wikipedia.org/wiki/Hinz_und_Kunz

🌲21. dezember: Schlafittchen

✴ Schlafittchen (oder Schlawittchen) ist der Diminutiv von „Schlafittich“ oder „Schlafitti“, ursprünglich die Bezeichnung für den Schlagflügel oder die Schwungfedern von Enten oder Gänsen. Im Niederdeutschen hießen Flügel oder Geflügel auch „Fittgen“.

✴ Daraus wurde dann ein v.a. mund- und redensartlich verbreiteter Ausdruck für den Kragen an Hemd oder Jacke bzw. den Zipfel an Rock oder Ärmeln. Am bekanntesten ist der Ausdruck „am Schlafittchen packen“, wenn eine Person am Weglaufen gehindert werden soll (oder sonst das Geflügel am Wegfliegen). In dieser Bedeutung ist die Redewendung seit etwa 1800 belegt.

✴ Quelle u.a.: ​https://de.wikipedia.org/wiki/Schlafittchen

🌲22. dezember: Techtelmechtel

✴ Ende des 18. Jahrhunderts waren damit v.a. geheime Absprachen oder ein heimliches Einverständnis im weiteren Sinne (z.B. bei Geschäften) gemeint, umgangssprachlich beschreibt es heute eine heimliche Liebschaft (Süddeutsch auch „Gspusi“ – sowohl für die Liebelei als auch genderneutral für die beteiligten Personen, vermutlich verwandt mit dem italienischen „sposi“, Eheleute).

✴ Der Ausdruck „Techtelmechtel“ stammt vermutlich aus dem Rotwelschen oder Jiddischen. Möglicherweise ist es ein Reimwort, das „tacht(i)“ (heimlich, geheim) in leichter Variation wiederholt. Eine andere, nicht gesicherte Erklärung vermutet eine Herkunft aus dem Italienischen „teco-meco“ für unter vier Augen (ich mit dir, du mit mir) oder dem Tschechischen „tlachy-machy“ (Schwätzerei).

✴ Entstanden ist der Begriff wohl um 1800 in Wien, wanderte dann weiter nach Süddeutschland und verbreitete sich von dort im Laufe des 19. Jahrhunderts im ganzen Deutschen Reich. Hübsch ist auch die bayrische Schreibweise „Dächtelmächtel“ aus dem 19. Jahrhundert.

✴ Quelle u.a.: https://de.wikipedia.org/wiki/Techtelmechtel

🌲23. Dezember: Pyjama

✴ Fast Weihnachten: Pyjama-Tag! Das Wort stammt aus dem Persischen (persisch پايجامه pāīdschāma, auch persisch پیش جامه pīsch dschāma, wortwörtlich „Beinkleidung“) und wurde im süd- und westasiatischen, besonders im persischsprachigen Raum für leichte Hosen verwendet. Faktisch ist es zweimal eingereist.

✴ Die britischen Kolonisator:innen lernten das Kleidungsstück in Indien kennen und brachten es im 17. Jahrhundert mit der dazugehörigen Bezeichnung „Pyjama“ mit nach Europa. Nach kurzer Beliebtheit als Freizeitanzug, kam es aber bis zum 19. Jahrhundert wieder aus der Mode. Ende des 19. Jahrhunderts intensivierten sich die indisch-britischen Handelsbeziehungen und die Zeit war reif.

✴ Über das Hindustani (Hindi पजामा pajāmā) reiste das Wort im 19. Jahrhundert ins Englische (als Pluralform pyjamas oder pajamas) und von dort zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit der Bedeutung „Schlafanzug“ ins Deutsche. In Österreich und Deutschland ist der [ˌpyˈʤaːma] meist ein Maskulinum, in der Schweiz ist das [ˌpiˈʤaːma] ein Neutrum.

✴ Nachthemden trugen bis zum Ersten Weltkrieg alle Menschen, egal welchen Geschlechts. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts setzte sich dann der Pyjama aus leichter Hose und hemdartigem Oberteil als Nachtbekleidung (v.a. in der Männerabteilung) durch. In verschiedenen Ländern gibt es immer wieder (klassistische) Diskussionen über das Tragen von Schlafanzügen in der Öffentlichkeit. Gegenwärtig scheinen öffentlich getragene Schlafanzüge aber gerade ein schickes Lifestyle-Produkt zu sein, das von verschiedenen Nobelmarken aufgegriffen wird.

✴ Quelle u.a.: https://de.wikipedia.org/wiki/Pyjama

🌲24. Dezember: Tschüss

✴ Bis in die 1940er Jahre war in Norddeutschland der Abschiedsgruß „atschüs“ üblich, aus dem sich „Tschüs“ entwickelte und im hochdeutschen Sprachraum verbreitete. An der Ostsee hört man außerdem „Tschüssing“, im Rheinland „Tschö“, in Schleswig-Holstein „Tüüs“ und weiter östlich auch „Tschüssi“. An manchen Orten (z.B. in und um Basel) ist „Tschüss“ auch eine Begrüßung.

✴ Auch wenn es dem bayrischen Sprachgefühl widerspricht: „Tschüss“ ist gemeinhin weder respektlos noch per se eine Duzform, und hat genauso viel christlichen Bezug wie das südliche „Grüß Gott“. Wer hätte das gedacht? Im Lateinischen gibt es die Grußformel „ad deum“ (zu Gott hin) und im Französischen „à dieu“, mit der Bedeutung „Gott befohlen“. Aus den romanischen Sprachen (adieu, adiós, adeus, addio, ade) kam atschüs, adjüs, adjüst oder adjüüs als Lehnwort ins Niederdeutsche.

✴ Der häufigste Abschiedsgruß war bis 1914 allerdings „Adieu“, durch antifranzösische Propaganda änderte sich das aber während des Ersten Weltkriegs („Fort mit dem welschen Gruß ‚Adieu‘! Wir grüßen deutsch ‚Auf Wiedersehn‘!“). Im Süd- und Südwestdeutschen ist bis heute „Ade“ gebräuchlich (in anderen Gegenden nur noch aus Volksliedern bekannt), im Schwäbischen auch „Adet“. Ältere Menschen in Württemberg grüßen auch „Ada“ oder „Adele“, im Oberfränkischen gibt es neben „Ade“ auch „Adela“.

✴ In den 1980ern wanderte Tschüss nach Schwaben ein, wo es zu „Tschüssle“ wurde (oft mit der Aussprache „Tschissle“). Im Rheinischen wird „Tschö“ manchmal zu „Tschökes“, in Westfalen gibt es „Tschüsskes“ oder „Tüsskes“. Um Aachen hört man ab und zu „adië“ oder „adiëda“, in Luxemburg ist adieu zu „äddi“ geworden. Und im Tschechischen sagt man umgangssprachlich „čus“ [tʃus] zum Abschied (und „Ahoj“ zur Begrüßung, aber das ist eine andere Geschichte).

✴ In diesem Sinne: Tschüss! Adieu! Tschüssle! Adela! Tschüsskes! Tschö! Tschüssing und Ade! Danke fürs Mitlesen, Liken und Kommentieren. Habt einen entspannten Jahreswechsel und ein helles und heiteres Jahr 2024! Doro & Jona

✴ Quelle u.a.: https://de.wikipedia.org/wiki/Tsch%C3%BCs

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