Gendern & Barrierefreiheit

Die Beschäftigung mit Leichter Sprache und Barrierefreiheit schärft den Blick für Dilemmata und Intersektionalität [1], z.B. bei geschlechtergerechten Formulierungen. Verwende ich wie hier beim Wort Leser:innen den Doppelpunkt, ist das womöglich für Menschen mit Sehbehinderung nicht ideal, weil Screenreader unterschiedlich programmiert sind und verschiedene Sonderzeichen unterschiedlich gut als Formen des Genderns erkennen (andererseits aber auch dazulernen).

Davon abgesehen ist die Verwendung von Sonderzeichen aber für viele Menschen mit geringer Literalität grundsätzlich herausfordernd – was tun, wenn ich durch die Verwendung geschlechtergerechter Sprache einerseits mehr Menschen einschließen möchte, dadurch aber gleichzeitig sprachlich/grafisch womöglich andere ausschließe? Umgekehrt machen Texte, die im Namen der Gewohnheit und Verständlichkeit ausschließlich männliche Formen verwenden, jegliche geschlechtliche Vielfalt unsichtbar, auch das ist keine Lösung.

Inklusion für einige kann Exklusion für andere bedeuten – umso wichtiger ist es, verschiedene Aspekte wie rassistische Diskriminierungserfahrung, Geschlecht, sozialen Hintergrund oder Behinderung intersektional zusammenzudenken, nicht gegeneinander auszuspielen und gemeinsam möglichst gute Lösungen zu finden.

Zum Weiterlesen:

Sabrina Siemons: „Wie geht barrierefrei gendern?“

Empfehlungen des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbands zum Gendern

Capito-Studie 2023 zum Thema „Gendern in Leichter Sprache“

Empfehlung zu gendergerechter, digital barrierefreier Sprache – Studie 2021 BFIT-Bund


[1] Der Begriff intersectionality (Intersektionalität) entstand ursprünglich im Kontext feministischer Bewegungen Schwarzer Frauen in den USA und bezog sich zunächst auf besondere Formen der Unterdrückung, die sich aus den Kategorien race-class-gender und damit einhergehenden Mehrfachdiskriminierungen ergaben. Wissenschaftlich wurde er von Kimberlé Crenshaw geprägt (1989; 2004) und dann von verschiedenen, v.a. US-amerikanischen Autor:innen weiterentwickelt.

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