Etymologisches

Seit nunmehr 2012 veröffentliche ich alle Jahre wieder im Dezember auf meiner Facebook-Seite einen etymologischen Adventskalender. Darauf gebracht hat mich ein Wort während einer Lesung in Wolfenbüttel aus Thomas Brovots Übersetzung von Mario Vargas Llosas Tante Julia und der Schreibkünstler: Kabäuschen. Eigentlich klein und unscheinbar, eng und gemütlich, aber es ließ mich nicht mehr los. Meine bis heute ungebrochene Begeisterung für etymologische Geschichten war entfacht. Und was wäre in Corona-Zeiten ein passenderer Ausgangspunkt?

Der Bedeutung nach ist Kabäuschen ein kleiner, tendenziell dunkler Raum, ein kleines Haus. Die genaue Herkunft ist unklar, als Möglichkeit wird „Kerngehäuse im Obst“ in Zusammensetzung mit mnd. hūs (Haus) oder aus spätlat. capanna (Hütte) angeführt, der Ausgangsform von Kabine. Das Kabäuschen als Diminutiv stammt erst aus dem 20. Jahrhundert.

Der Duden vermeldet einen seltenen und landschaftlichen Gebrauch, verwendet werde auch (norddt.) Kabuse, der Kabüse verwandt, und auch der Kombüse, der Schiffsküche. Von mnd. kabūse „Bretterverschlag, durch hölzerne Wände abgeteilter Raum, kleine Hütte“ (DWDS) gelangen wir in die Kabuse (Hütte auf einem Schiff) und mit dem 18. Jahrhundert in die Combüse, Combuse, Kambüse, wieder ein „abgeteilter kleiner Raum“, jetzt aber immerhin auch schon „Schiffsküche“.

 Hier lerne ich weiter, dass sich Afrikaans aus dem Niederländischen der Seefahrer des 17. Jahrhunderts entwickelt hat, dort heißt kombuis noch heute allgemein Küche. Kabuff entstand wiederum u. a. beeinflusst von Kabuse aus dem mnd. küffe oder kiffe (kleines, minderwertiges Haus).

Jetzt nimmt meine Reise richtig Fahrt auf: Küchenchef einer Kombüse ist bei der Marine der Smut oder Smutje (auf Handelsschiffen der Chef). Um 1900 wurde das ursprünglich nd. Smut (hochdeutsch „Schmutz“) personalisiert und mit der nd./nl. Verkleinerungsform -tje kombiniert. Somit schwingt also auf Marineschiffen das – durch den Namen nicht im Geringsten abgewertete – Schmuddelchen den Löffel. Unterstützt wird er dabei von der Backschaft, wobei Back der Tisch an Bord eines Marine- oder Handelsschiffes ist, der zum Essen „aufgebackt“ wird.

Der Backfisch wiederum hat je nach Ansicht nur wenig mit der Schifffahrt zu tun, führt uns aber in den Hafen der Literatur. Er stammt aus der Studentensprache und war ursprünglich eine Scherzübersetzung für Baccalaureus (der unterste akademischen Grad, Neudeutsch: Bachelor), die später auf junge Mädchen übertragen wurde. Andere Stimmen vermuten einen „noch nicht voll ausgewachsenen Fisch“: entweder zu klein zum Kochen und Braten und deshalb im Teigmantel gebacken oder beim Fischen wegen zu geringer Größe gleich wieder über Backbord zurück ins Meer geworfen.

Nach der Blütezeit der Backfischromane in der Weimarer Zeit fanden sie aber auch dank großzügiger Spenden nachkriegssozialisierter Damen Eingang ins Frauenbild des späten 20. Jahrhunderts. Noch in den 1990ern gab es in meiner Grundschule Nesthäkchens Backfischzeit von 1919 auszuleihen – in der x-ten Auflage, versteht sich. Über die jüdisch-deutsche Nesthäkchen-Autorin Else Uhry stolperte ich kürzlich im wahrsten Sinne des Wortes bei einem meiner täglichen Corona-Spaziergänge durch Berlin-Moabit. In der Solinger Straße 10 erinnert ein Stolperstein an ihre Deportation und Ermordung in Auschwitz. Von dort führt mein Weg zurück ins heimische Kabäuschen. Nesthäkchen kommt übrigens von „im Nest hockend“ – dieser Tage auch sehr passend …

(© Dorothea Traupe, 2021. Erschienen in der Zeitschrift Übersetzen 1/21)

Etymolügenialkohöllischer Adventskalender

Die nächste Ausgabe des etymologischen Adventskalenders finden Sie ab 01.12.2022 an dieser Stelle. Sie können die Beiträge auch als RSS-Feed abonnieren oder mir eine Nachricht schreiben, wenn Sie den Adventskalender täglich direkt per E-Mail oder Whatsapp erhalten möchten.